Excerpt from: The End of print
Jessica Helfand, 2000
21 March 2000
Dear Fiona:
You are turning 2 in a few weeks and I think it’s high time you understood a thing or two about graphic design. After all, you are part of Generation ABC and what are ABCs, after all, but typography?
And what is typography, you ask?
A good question.
Typography is letters (and numbers) and why they look the way they do. Sometimes letters are BIG AND LOUD and sometimes letters are small and quiet. Typography can make words look good. It can also make words look bad.
But the way they look — whether they’re pink or purple or big or small or quiet or noisy or happy or scary or funny or weird, well, that’s something that comes from typography.
Which is also called type.
Which is sometimes called print.
Which is a word that occasionally causes people to wrinkle up their noses and describe a time when it was customary to wear burlap shoes and sit hunched over, by candlelight, scratching painstakingly written messages to one’s friends and neighbors using quill pens. This really happened, back in ancient times. Like back when there were mummies and dinosaurs. Before television. Like when Daddy was little.
Printing is what you do when you write letters one at a time, as opposed to script, which is when you write letters so-that-they-connect-to-each-other-like-this. Printing is also used to describe what happens when machines (called “presses”) get hold of all those words, all that typography, and actually press the letters together onto paper.
Paper is a word that occasionally causes people to wrinkle up their noses and describe a time when it was customary to wear burlap shoes and sit hunched over, by candlelight, scratching painstakingly written messages to one’s friends and neighbors using quill pens. This really happened, back in ancient times. Like back when there were word processors and 8-track tapes. Before computers. Like when Mommy was little.
Now here’s the really confusing part. A lot of people say print is dead. Flat and not moving. Dead, like when we drive down our road and see a rabbit or a woodchuck that didn’t make it across in time. The whole concept of roadkill is something I had hoped to put off for a few years, but I think it’s important for us to be clear about one thing.
Print isn’t dead, sweetheart. It’s just sleeping.
So as you begin to learn your ABCs, remember that your mind is like a giant alarm clock that wakes those letters up so that they spell something, so that they mean something, whether they’re on TV or in a book or scratched on the side of a wall somewhere. And while you‘re at it, remember that S isn’t the same as 5 and L isn’t the same as 1. Remember that 1 LoV3 U isn’t the same as I LOVE YOU even though it looks cool. Remember that anything that looks cool probably won’t look cool for very long. Remember that very long means, well, probably about a day-and-a-half. Remember that pictures may speak louder than words, but that words speak volumes. Remember that sometimes typography can help you understand something or react to something or feel a certain way faster, but that it probably won’t help resolve conflicts between embittered nations or advance your capacity for reason or prevent you from getting bee stings or tick bites or chicken pox. Remember that spelling mistakes are celebrated in email but not tolerated in literature. Remember that literature is made up of stories that are what they are because someone wrote them down, letter by letter, word by word, intending for them to be read and remembered and retold for years and years and years to come. Remember that this is why your father and I want you to learn your ABCs, in the order in which they were intended to be learned, even though you can, and will, mix up the magnets on the refrigerator to proudly spell words like hrldgsno and wsigefoo and pstwe6882ge. Someday when you read the work of Gertrude Stein or look at the work of David Carson, you will make sense of such verbal and perceptual aberrations, but until then, my sweet girl, remember that your ABCs are what helps you to read, and reading is what opens up your mind so that you can learn about anything you want. Turtles. Communism. Particle physics. Reading feeds your brain and helps your mind to grow. So today’s Goodnight Moon is tomorrow’s Charlotte’s Web is next year’s Elmer and the Dragon and before you know it you’ll be reading Thomas Hardy and Thomas Mann and A.S. Byatt and V.S. Naipaul, just as your parents did, and our parents did and, with any luck, your children will. And even though we read them printed on paper and you will very likely read them emblazoned on a screen, do you know what, Fiona? It doesn’t matter, because no matter what the typography does (or doesn’t do), and no matter what the print is (or isn’t), words are just ideas waiting to be read. And reading will never die. Reading is your ticket to the world.
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Auszug aus: Das Ende des Druckens
Jessica Helfand, 2000
21. März 2000
Liebe Fiona:
Du wirst in ein paar Wochen zwei Jahre alt, und ich denke, es ist höchste Zeit, dass du ein oder zwei Dinge über Grafikdesign verstehst. Schließlich gehörst du zur Generation ABC, und was ist das ABC schon anderes als Typografie?
Und was ist Typografie, fragst du?
Eine gute Frage.
Typografie sind Buchstaben (und Zahlen) und warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Manchmal sind Buchstaben groß und laut, manchmal klein und leise. Typografie kann Wörter gut aussehen lassen. Sie kann aber auch dafür sorgen, dass Wörter schlecht aussehen.
Aber die Art und Weise, wie sie aussehen - ob sie rosa oder lila oder groß oder klein oder leise oder laut oder fröhlich oder gruselig oder lustig oder seltsam sind - das ist etwas, das von der Typografie kommt.
Die auch Schrift genannt wird.
Was manchmal auch Druck genannt wird.
Ein Wort, bei dem die Menschen gelegentlich die Nase rümpfen und eine Zeit beschreiben, in der es üblich war, Sackleinenschuhe zu tragen und bei Kerzenlicht zusammengekauert zu sitzen und mit Federkielen mühsam geschriebene Nachrichten an Freunde und Nachbarn zu kritzeln. Das gab es wirklich, damals in der Antike. Wie damals, als es noch Mumien und Dinosaurier gab. Vor dem Fernsehen. Als Daddy noch klein war.
Drucken ist das, was man macht, wenn man Buchstaben einzeln schreibt, im Gegensatz zur Schreibschrift, bei der man die Buchstaben so schreibt, dass sie miteinander verbunden sind, wie hier.
Papier ist ein Wort, bei dem man gelegentlich die Nase rümpft und eine Zeit beschreibt, in der es üblich war, Sackleinenschuhe zu tragen und bei Kerzenlicht zusammengekauert zu sitzen, um mit Federkielen mühsam geschriebene Nachrichten an Freunde und Nachbarn zu kritzeln. Das gab es wirklich, damals, in der Antike. Damals, als es noch Textverarbeitungsprogramme und 8-Spur-Kassetten gab. Vor den Computern. Als Mami noch klein war.
Und jetzt kommt der wirklich verwirrende Teil. Viele Leute sagen, dass die Schrift tot ist. Flach und unbeweglich. Tot, wie wenn wir unsere Straße entlangfahren und ein Kaninchen oder ein Murmeltier sehen, das es nicht mehr rechtzeitig über die Straße geschafft hat. Ich hatte gehofft, das ganze Konzept des überfahrenen Tieres ein paar Jahre aufschieben zu können, aber ich denke, es ist wichtig, dass wir uns über eine Sache im Klaren sind.
Print ist nicht tot, Schätzchen. Es schläft nur.
Wenn du also beginnst, dein ABC zu lernen, denke daran, dass dein Verstand wie ein riesiger Wecker ist, der diese Buchstaben aufweckt, damit sie etwas bedeuten, egal ob sie im Fernsehen oder in einem Buch stehen oder irgendwo an die Wand gekratzt sind. Und wenn du schon dabei bist, denke daran, dass S nicht dasselbe ist wie 5 und L nicht dasselbe ist wie 1. Denke daran, dass 1 LoV3 U nicht dasselbe ist wie I LOVE YOU, auch wenn es cool aussieht. Denke daran, dass alles, was cool aussieht, wahrscheinlich nicht sehr lange cool aussehen wird. Denke daran, dass sehr lange bedeutet, naja, wahrscheinlich etwa anderthalb Tage. Denke daran, dass Bilder vielleicht mehr sagen als Worte, aber dass Worte Bände sprechen. Denke daran, dass Typografie dir manchmal helfen kann, etwas zu verstehen oder auf etwas zu reagieren oder ein bestimmtes Gefühl schneller zu empfinden, dass sie aber wahrscheinlich nicht dazu beiträgt, Konflikte zwischen verbitterten Nationen zu lösen oder Ihre Vernunft zu fördern oder zu verhindern, dass du Bienenstiche, Zeckenbisse oder Windpocken bekommst. Denke daran, dass Rechtschreibfehler in E-Mails gern gesehen sind, in der Literatur aber nicht toleriert werden. Erinnere dich daran, dass Literatur aus Geschichten besteht, die so sind, wie sie sind, weil jemand sie aufgeschrieben hat, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, mit der Absicht, dass sie gelesen und in Erinnerung behalten und über Jahre und Jahre hinweg weitererzählt werden. Erinnere dich daran, dass dein Vater und ich wollen, dass du das ABC lernst, und zwar in der Reihenfolge, in der es gelernt werden soll, auch wenn du die Magnete am Kühlschrank verwechseln kannst und wirst, um stolz Wörter wie hrldgsno und wsigefoo und pstwe6882ge zu buchstabieren. Eines Tages, wenn du das Werk von Gertrude Stein liest oder dir die Arbeiten von David Carson ansiehst, wirst du solche verbalen und wahrnehmungsbezogenen Verirrungen verstehen, aber bis dahin, mein liebes Mädchen, denk daran, dass dein ABC dir hilft, zu lesen, und dass das Lesen deinen Geist öffnet, damit du alles lernen kannst, was du willst. Schildkröten. Kommunismus. Teilchenphysik. Lesen nährt dein Gehirn und hilft deinem Geist zu wachsen. So ist das heutige Goodnight Moon das morgige Charlotte‘s Web und das nächste Jahr Elmer und der Drache, und ehe du dich versiehst, wirst du Thomas Hardy und Thomas Mann und A.S. Byatt und V.S. Naipaul lesen, so wie es deine Eltern taten, und unsere Eltern, und mit etwas Glück werden es auch deine Kinder tun. Und obwohl wir sie auf Papier gedruckt gelesen haben und Sie sie höchstwahrscheinlich auf einem Bildschirm lesen werden, weist du was, Fiona? Es spielt keine Rolle, denn egal, was die Typografie macht (oder nicht macht), und egal, was der Druck ist (oder nicht ist), Worte sind einfach Ideen, die darauf warten, gelesen zu werden. Und das Lesen wird niemals sterben. Lesen ist deine Eintrittskarte in die Welt.
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