ORDNUNG ODER CHAOS?
Jost Hochuli (1990)
◼️Typografisches Gestalten heißt Ordnung herstellen: Ordnung ist auch noch im Chaos, besonders im gestalteten Chaos.
◼️◼️Das absolute Chaos gibt es nicht, es gibt lediglich verschiedene Grade der Ordnung. Wie entsteht Ordnung in der Typografie? Durch das Aneinanderreihen von Buchstaben beginnt das Spiel der weißen und schwarzen Räume.
◼️◼️◼️Je nach der typografischen Technik können mehrere dieser Räume individuell beeinflusst werden. Die alten Handschriften erreichen die höchste Individualität: Strichstärke, Punzenweite, Raum zwischen den Buchstaben, Wortzwischenraum, Breite des Zeilenbandes und optischer Durchschuss variieren selbst innerhalb einer Buchseite, wenn auch nur wenig. Am stärksten determiniert ist der Bleisatz, bei dem durch die Vorfabrikation der Typen Strichstärke, Punzenweite, Buchstabenabstand und Zeilenbandbreite feststehen – nur Wortzwischenraum und optischer Durchschuss sind frei veränderbar. Der Fotosatz erlaubt wieder grössere Variabilität – selbst die Proportionen der Buchstaben können durch Verzerrung verändert werden.
◼️◼️◼️◼️In der Formenlehre wird die optische Relevanz der geometrischen Formen untersucht. Das Rechteck – das Quadrat ist eine spezifische Form des Rechtecks – bildet die Basis typografischer Gestaltung.
◼️◼️◼️◼️◼️Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Entscheidung Symmetrie oder Asymmetrie. Symmetrie (auch in ihren neuesten Formen) ist grundsätzlich statisch, starr, traditionell. Gleichgewichtigkeit bei gleichzeitig dynamischer Form wird in der Asymmetrie erreicht. Überhaupt tut man gut daran, die Begriffe symmetrisch und asymmetrisch in der Typografie nicht allzu wörtlich zu nehmen. In sogenannten asymmetrischen Layouts stehen Satzspiegel und Paginas in aller Regel symmetrisch; in sogenannter symmetrischer Typografie sind Untertitel sehr oft seitlich gestellt, und Einzüge und Ausgangszeilen ergeben immer ein mehr oder weniger asymmetrisches Bild der Doppelseiten.
◼️◼️◼️◼️◼️◼️Funktion und Funktionalismus in der Typografie setzt erst nach 1920 ein, konzentriert sich aber fast ausschließlich auf die Frage Symmetrie oder Asymmetrie? Asymmetrische Typografie wird oft als funktionalistisch bezeichnet. Dabei wird unterstellt, dass es sich um sinngemäß geordnete, übersichtliche und deshalb gut funktionierende Typografie handle. Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz ist der Funktionalismus letzten Endes nicht mehr als ein Stil, und oft verhält er sich zur Funktion wie der Klassizismus zur Klassik: er tut nur so als ob. Asymmetrische Typografie kann gut funktionieren, sie muss es durchaus nicht, nur weil sie asymmetrisch ist.

ORDNUNG ODER CHAOS?

Jost Hochuli

Durch das Aneinanderreihen von Buchstaben beginnt das Spiel der weißen und schwarzen Räume.
Typografisches Gestalten heißt Ordnung herstellen: Ordnung ist auch noch im Chaos, besonders im gestalteten Chaos. Das absolute Chaos gibt es nicht, es gibt lediglich verschiedene Grade der Ordnung. Wie entsteht Ordnung in der Typografie? Je nach der typografischen Technik können mehrere dieser Räume individuell beeinflusst werden. Die alten Handschriften erreichen die höchste Individualität: Strichstärke, Punzenweite, Raum zwischen den Buchstaben, Wortzwischenraum, Breite des Zeilenbandes und optischer Durchschuss variieren selbst innerhalb einer Buchseite, wenn auch nur wenig. Am stärksten determiniert ist der Bleisatz, bei dem durch die Vorfabrikation der Typen Strichstärke, Punzenweite, Buchstabenabstand und Zeilenbandbreite feststehen – nur Wortzwischenraum und optischer Durchschuss sind frei veränderbar. Der Fotosatz erlaubt wieder grössere Variabilität – selbst die Proportionen der Buchstaben können durch Verzerrung verändert werden. In der Formenlehre wird die optische Relevanz der geometrischen Formen untersucht. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Entscheidung Symmetrie oder Asymmetrie. Symmetrie (auch in ihren neuesten Formen) ist grundsätzlich statisch, starr, traditionell.
Gleichgewichtigkeit bei gleichzeitig dynamischer Form wird in der Asymmetrie erreicht. Überhaupt tut man gut daran, die Begriffe symmetrisch und asymmetrisch in der Typografie nicht allzu wörtlich zu nehmen. In sogenannten asymmetrischen Layouts stehen Satzspiegel und Paginas in aller Regel symmetrisch; in sogenannter symmetrischer Typografie sind Untertitel sehr oft seitlich gestellt, und Einzüge und Ausgangszeilen ergeben immer ein mehr oder weniger asymmetrisches Bild der Doppelseiten. Funktion und Funktionalismus in der Typografie setzt erst nach 1920 ein, konzentriert sich aber fast ausschließlich auf die Frage Symmetrie oder Asymmetrie? Asymmetrische Typografie wird oft als funktionalistisch bezeichnet. Dabei wird unterstellt, dass es sich um sinngemäß geordnete, übersichtliche und deshalb gut funktionierende Typografie handle. Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz ist der Funktionalismus letzten Endes nicht mehr als ein Stil, und oft verhält er sich zur Funktion wie der Klassizismus zur Klassik: er tut nur so als ob. Asymmetrische Typografie kann gut funktionieren, sie muss es durchaus nicht, nur weil sie asymmetrisch ist.
Das Rechteck – das Quadrat ist eine spezifische Form des Rechtecks – bildet die Basis typografischer Gestaltung.