◼️Bücher sind Gegenstände. Sie beanspruchen Raum. Ob eng neben einander im Regal stehend, ob auf dem Schreibtisch gestapelt, ob auf dem Boden aufgetürmt oder verstreut, ob achtlos liegengelassen oder kunstvoll drapiert.
DAS
ENDE
EINER
LAST
Die Befreiung von den Büchern
Günter Karl Bose (2013)
◼️◼️Die Angst, die wachsende Zahl der Bücher könne ihren Lesern den Raum zum Leben nehmen, wie sie Wolfgang Menzel schon 1828 spürt, scheint abgeklungen.
„So baut sich um uns die unermeßliche Büchermasse, die mit jedem Tage wächst, und wir erstaunen über das Ungeheure dieser Erscheinung, über das neue Wunder der Welt, die cyklopischen Mauern, die der Geist sich gründet. Nach einem mäßigen Überschlage werden jährlich in Deutschland zehn Millionen Bände neu gedruckt. (...) Wohin wir uns wenden, erblicken wir Bücher und Leser. Auch die kleinste Stadt hat ihre Leseanstalt, der ärmste Honoratior seine Handbibliothek. Was wir auch in der einen Hand haben mögen, in der anderen haben wir gewiß immer ein Buch.“1
◼️◼️◼️Menzel, ein streitbarer Geist des deutschen Vormärz, hat es noch miterlebt, wie ein ganzes Volk in weniger als einem Jahrhundert vollständig alphabetisiert wird und die Gesamtzahl der in deutscher Sprache verlegten Bücher sich nahezu verzehnfacht, von den 2.594 Titeln im Jahr 1800 auf 18.875 Titel im Jahr 1890 anwächst. Zwischen 1911 und 1950, hat Hans Ferdinand Schulz Jo berechnet, erscheinen in Deutschland nicht weniger als insgesamt 854.394 Bücher, darunter sind 151.086 Titel (24,4%) als Neuauflage bereits vorher veröffentlichter Bände.2
◼️◼️◼️◼️Schulz’ Fleiß- und Zählarbeit findet keine Fortsetzung. Zahlen zur Buchproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen nicht vor. Die von Menzel beschworenen Büchermassen sind mehr ein literarisches Phantasma als Realität. Tatsächlich war der Bücherbesitz äußerst gering. Einen Markt für Bücher gab es in Deutschland in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts nur in sehr bescheidenem Umfang. In den Jahren vor der Revolution 1848 schien er fast ganz zu kollabieren:
„Die reichen Leute, welche sonst Bücher kauften, hielten ihr Geld fest, da sie stets einen Umsturz erwarteten. Die Zeitungspresse nahm Alles in Anspruch, es hatte Niemand Zeit etwas Anderes zu lesen als Zeitungen.“3
◼️◼️◼️◼️◼️Die Klage des Buchhändlers Wustmann wird von amtlicher Seite bestätigt:
„Ein Deutscher, der ein Buch kauft, ist ein besonderer Mensch.“
heißt es in den ,Preußischen Jahrbüchern“.
4 Das große Bedürfniß nach Lektüre und die ausufernde Production entsprechen sich nicht. Was sich nicht schnell genug verkaufen läßt, muss, um die eingesetzten Kapitalien zu sichern, unter Wert verkauft werden. Leipzig, die Stadt der Verlage, heißt auch die Stadt der Schleuderer. Arbeitern und Handwerkern fehle um die Jahrhundertmitte selbst das wenige Geld für die Leihbibliotheken. Ende des Jahrhunderts leben immerhin noch fast 20% der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. 1872 wird der Gesamtumsatz an Büchern im Deutschen Reich auf acht Millionen Taler beziffert, kaum achtzig Pfennig pro Kopf. Das Lesepublikum hält sich nicht an Bücher, sondern an Journale und Zeitungen. Sie sind billiger und leichter zu erreichen. „Die Lektüre“ sei, stellt 1842 der preußische Innenminister fest, „unleugbar zum Volksbedürfnisse geworden“.
5
◼️◼️◼️◼️◼️◼️Befriedigen läßt sich das Bedürfnis allerdings nicht in Bibliotheken, auch nicht in den preußischen, denn dort gilt immer noch die Regel, daß ohne „eine gehörige Sicherheit“ niemandem ein Buch in die Hand gegeben wird. Vom Zugang zu den „Schatzkammern des menschlichen Geistes“, wie Leibniz die Bibliotheken einmal nannte, bleiben die meisten Menschen ausgeschlossen.6 7 Mit Einführung der Gewerbefreiheit nimmt die Zahl der Leihbibliotheken weiter zu. Im Jahr 1865 erfaßt das Adreßbuch des Börsenvereins 617, 1880 schon 1.056 Leihbibliotheken.
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Um 1900 haben sie ihre großen Zeit schon hinter sich. Das Bild des Buchhandels und der Lesekultur verändert sich, seit Ende der 1860er Jahre beginnen Verlage, Bücher von einfachster Ausstattung, oft nur broschiert, in Reihen erscheinen zu lassen. Weil auf Verlags- und Urheberrechte von Autoren, deren Tod dreißig Jahre zurückliegt, keine Rücksicht mehr zu nehmen ist, kann das Erbe der Klassik jetzt nach neuen Maßstäben vermarktet werden. Reclams Universalbibliothek, 1867 gegründet, von der bis ins Jahr 1898 allein 3.810 Nummern vorliegen, beginnt programmatisch mit der Veröffentlichung von Goethes Faust I und II. Schon in den ersten Monaten nach Erscheinen werden 20.000 Exemplare verkauft. Von Friedrich Schillers Wilhelm Tell, dem erfolgreichsten Buch der Reihe, können bis 1917 nicht weniger als 2,3 Millionen Exemplare abgesetzt werden, die Ausgaben von Ibsens Dramen bringen es auf 4,5 Millionen Exemplare. Die Nationalbibliothek sämtlicher deutscher Classiker des Verlags Hempel wird für zweieinhalb Groschen je Lieferung verkauft und startet mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren, ist aber weit weniger erfolgreich als Reclams Reihe.
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Mit zeitgenössischer Literatur lässt sich nur im Zeitungsformat Geld verdienen. Ihre Romane je als Buch gedruckt zu sehen, können Autoren nur hoffen. Die Auflagenhöhe bleibt in jedem Fall moderat; denn absetzen lassen sich die Bücher zunächst nur an Leihbibliotheken.
„99 Procent der Deutschen Roman- und Novellen-Schreiber verdanken ihren Namen und ihre Existenz nur den Leihbibliotheken, zu welchen sie in dem Verhältnis der Fabrikanten stehen“8
konstatiert 1883 Otto Glagau. In der häuslichen Bibliothek stellt man Romane nicht auf. Sie werden buchstäblich zerlesen oder wandern zurück in die Leihbibliothek. Zum üblichen Bestand der besseren Haushalte gehören auch Ende des Jahrhunderts nur Bücher, die einen längeren Nutzen versprechen: ein Meyers- oder Brockhaus-Lexikon, einige Fachbücher, eine Goethe-, eine Schiller-Ausgabe, wenige illustrierte Werke und Sammelbände der populären Journale.
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Rund 90% der Arbeiter und Handwerker, der Soldaten, der unteren und der mittleren Beamten haben um 1800 in Frankfurt nur minimalen oder gar keinen Bücherbesitz. Selbst die Hälfte aller Kaufleute besitzt nicht ein einziges Buch.9„Bis weit über die Jahrhundertmitte fällt nahezu die Hälfte der Gesamtbevölkerung als Leser aus.“10
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Noch im Jahr 1886 beurteilt die Deutsche Schriftstellerzeitung die Zustände, als hätten Jahrzehnte der Alphabetisierung wenig oder nichts bewirkt:
„Weit über die Hälfte der Bevölkerung Preußens ist für die Literatur verloren. Vielleicht ist es einem kommenden Jahrtausend vorbehalten, auch dieses tiefste Proletariat zu heben und heranzubilden, heutzutage aber ist es eine Unmöglichkeit.“
Immerhin kostet ein Roman um diese Zeit gerade soviel wie das Abonnement einer Zeitung für ein Vierteljahr. Das lesende Publikum im 19. Jahrhundert, das die materiellen wie die intellektuellen Voraussetzungen für Lektüre und Bucherwerb mit bringt, sei allein der „obere Mittelstand, das Bürgertum im eigentlichen Sinn“ gewesen, schreibt Reinhard Wittmann.
11 Nach dem Steueraufkommen bemessen, weisen 1890 die Statistiken 2,75 Millionen Familien als Angehörige dieses Standes aus, 22 % der gesamten Bevölkerung des Deutschen Reiches.
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Während in den meisten Stuben selbst das bescheidenste Bord für Bücher fehlt, wird es in den Wohnungen gebildeter Bürger schon um 1880 eng.
„Bei der Bildung einer Privatbibliothek darf heute ein anderer Umstand von Wichtigkeit nicht übersehen werden, das ist die Platz- frage. Unsere Wohnungen haben wenig Platz für die Aufstellung großer Büchermassen.“12
◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️◼️Drängender noch als die Notwendigkeit, Raum zu sparen, wird die Entscheidung für die richtigen Bücher: „Wer ist im Stande, bei der heutigen Ueberproduction eine richtige Auswahl zu treffen? Man fragt sich mit Recht, was wird aus alle den Hunderten und Tausenden von Büchern werden, die jetzt in Mode sind? Wie viele von ihnen werden wohl ihr Leben über die nächsten fünfundzwanzig Jahr hinaus fristen?“ – Bange Fragen. Trost läßt sich aus der Geschichte nicht ziehen: „Von den etwa 50.000 besseren Erscheinungen des siebzehnten Jahrhunderts geniessen heute etwa nur noch 100 Werke ein hohes unbestrittenes Ansehen und von den 80.000 hervorragen- den Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts hat man kaum 300 Werke durch einen Neudruck in unserer Zeit für werth gehalten, vor der Vergessenheit und dem Untergange bewahrt zu werden.“13
(1) Wolfgang Menzel: Die deutsche Literatur. Erster Theil. Stuttgart 1828, S. 1f. (2) Hans Ferdinand Schulz: Das Schicksal der Bücher und der Buchhandel. Elemente einer Vertriebskunde des Buches. Berlin 1952. (3) August Prinz: Der Buchhandel vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1843. Bausteine zu einer späteren Geschichte des Buchhandels. Altona 1855 [Heidelberg 1981], S. 26f. Zit. n. Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. München 2011, S. 252. Wittmann nimmt an, daß um 1850 kaum mehr als „knapp ein Viertel“ der Erwachsenen überhaupt lesen konnte, gerade soviel wie der Anteil des Mittelstandes an der Bevölkerung. (4) Der deutsche Sortimentsbuchhandel. In: Preußische Jahrbücher 53 (1884), S. 90 (5) Zit n. Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 252 (6) Vgl. Horst Kunze: Das große Buch vom Buch. Eine Geschichte des Buches und des Buchgewerbes von den Anfängen bis heute vorgestellt in Wort und Bild. Berlin 1983, S.157. (7) Vgl. Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 277 (8) Otto Glagau (1883). Zit. n. Geschichte des deutschen Buchhandels, S.275. Bestände der Leihbibliotheken vgl. u.a. Georg Jäger/ Valeska Rudel: Die deutschen Leihbibliotheken zwischen 1860 und 1914. Analyse der Funktionskrise und Statistik der Bestände. In: Monika Dimpel / Georg Jäger (Hg.): Zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 1990, Teil II, S.198-295 (9) Rudolf Schenda: Volk ohne Buch S. 464.- „In Goethes Vaterstadt besaßen um 1800 nur die höheren Beamten so viele Bücher, daß man annehmen darf, sie hätten fünf oder mehr gebundene Druckwerke im Jahr gelesen.“ (Ebd., S. 459). Die aus der Auswertung von Inventar- und Teilungsakten gewonnenen Zahlen lassen sich nur schwer verallgemeinern. Aus durchschnittlich zehn Büchern bestand, hat Hilde Neumann rekonstruiert, die Hausbücherei Tübinger Handwerker im 18. Jahrhundert. Es handelte sich ausschließlich um religiöse Literatur, um Gesangbücher, Bibeln, Gebets-, Andachtsbücher und Hauspostillen. Literatur fehlte vollständig. Vgl. Hilde Neumann: Der Bücherbesitz der Tübinger Bürger von I750 bis 1850. Diss. Tübingen 1955, S. 5ff. – In 301 untersuchten Inventaren aus den Jahren 1840–1850 fand sich nur ein einziger Nachweis für eine Goethe-Ausgabe. Die Gedichtsammlung hatte einem Uhrmacher gehört. (Ebd., S. 91) (10) Rudolf Schenda: Volk ohne Buch, S. 445f. (11) Vgl. Wittmanna: Geschichte des deutschen Buchhandels, S.288. (12) Otto Mühlbrecht: Die Bücherliebhaberei, S. 7, „Ein moderner Gelehrter wird in seiner Bibliothek kaum 2–3000 Bände unterbringen können, wenn er überhaupt das Glück hat, sich dauernd einen Raum dafür sichern zu können.“ (Ebd.,S. 7) (13) Ebd., S. 6
DAS ENDE EINER LAST
Günter Karl Bose
Die Befreiung von den Büchern
Bücher sind Gegenstände. Sie beanspruchen Raum. Ob eng neben einander im Regal stehend, ob auf dem Schreibtisch gestapelt, ob auf dem Boden aufgetürmt oder verstreut, ob achtlos liegengelassen oder kunstvoll drapiert. Die Angst, die wachsende Zahl der Bücher könne ihren Lesern den Raum zum Leben nehmen, wie sie Wolfgang Menzel schon 1828 spürt, scheint abgeklungen. „So baut sich um uns die unermeßliche Büchermasse, die mit jedem Tage wächst, und wir erstaunen über das Ungeheure dieser Erscheinung, über das neue Wunder der Welt, die cyklopischen Mauern, die der Geist sich gründet. Nach einem mäßigen Überschlage werden jährlich in Deutschland zehn Millionen Bände neu gedruckt. (...) Wohin wir uns wenden, erblicken wir Bücher und Leser. Auch die kleinste Stadt hat ihre Leseanstalt, der ärmste Honoratior seine Handbibliothek. Was wir auch in der einen Hand haben mögen, in der anderen haben wir gewiß immer ein Buch.“1 Menzel, ein streitbarer Geist des deutschen Vormärz, hat es noch miterlebt, wie ein ganzes Volk in weniger als einem Jahrhundert vollständig alphabetisiert wird und die Gesamtzahl der in deutscher Sprache verlegten Bücher sich nahezu verzehnfacht, von den 2.594 Titeln im Jahr 1800 auf 18.875 Titel im Jahr 1890 anwächst. Zwischen 1911 und 1950, hat Hans Ferdinand Schulz Jo berechnet, erscheinen in Deutschland nicht weniger als insgesamt 854.394 Bücher, darunter sind 151.086 Titel (24,4%) als Neuauflage bereits vorher veröffentlichter Bände.2 Schulz’ Fleiß- und Zählarbeit findet keine Fortsetzung. Zahlen zur Buchproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen nicht vor. Die von Menzel beschworenen Büchermassen sind mehr ein literarisches Phantasma als Realität. Tatsächlich war der Bücherbesitz äußerst gering. Einen Markt für Bücher gab es in Deutschland in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts nur in sehr bescheidenem Umfang. In den Jahren vor der Revolution 1848 schien er fast ganz zu kollabieren: „Die reichen Leute, welche sonst Bücher kauften, hielten ihr Geld fest, da sie stets einen Umsturz erwarteten. Die Zeitungspresse nahm Alles in Anspruch, es hatte Niemand Zeit etwas Anderes zu lesen als Zeitungen.“3
Die Klage des Buchhändlers Wustmann wird von amtlicher Seite bestätigt: „Ein Deutscher, der ein Buch kauft, ist ein besonderer Mensch.“ heißt es in den ,Preußischen Jahrbüchern“. 4 Das große Bedürfniß nach Lektüre und die ausufernde Production entsprechen sich nicht. Was sich nicht schnell genug verkaufen läßt, muss, um die eingesetzten Kapitalien zu sichern, unter Wert verkauft werden. Leipzig, die Stadt der Verlage, heißt auch die Stadt der Schleuderer. Arbeitern und Handwerkern fehle um die Jahrhundertmitte selbst das wenige Geld für die Leihbibliotheken. Ende des Jahrhunderts leben immerhin noch fast 20% der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. 1872 wird der Gesamtumsatz an Büchern im Deutschen Reich auf acht Millionen Taler beziffert, kaum achtzig Pfennig pro Kopf. Das Lesepublikum hält sich nicht an Bücher, sondern an Journale und Zeitungen. Sie sind billiger und leichter zu erreichen. „Die Lektüre“ sei, stellt 1842 der preußische Innenminister fest, „unleugbar zum Volksbedürfnisse geworden“.5 Befriedigen läßt sich das Bedürfnis allerdings nicht in Bibliotheken, auch nicht in den preußischen, denn dort gilt immer noch die Regel, daß ohne „eine gehörige Sicherheit“ niemandem ein Buch in die Hand gegeben wird. Vom Zugang zu den „Schatzkammern des menschlichen Geistes“, wie Leibniz die Bibliotheken einmal nannte, bleiben die meisten Menschen ausgeschlossen.6 7 Mit Einführung der Gewerbefreiheit nimmt die Zahl der Leihbibliotheken weiter zu. Im Jahr 1865 erfaßt das Adreßbuch des Börsenvereins 617, 1880 schon 1.056 Leihbibliotheken. Um 1900 haben sie ihre großen Zeit schon hinter sich. Das Bild des Buchhandels und der Lesekultur verändert sich, seit Ende der 1860er Jahre beginnen Verlage, Bücher von einfachster Ausstattung, oft nur broschiert, in Reihen erscheinen zu lassen. Weil auf Verlags- und Urheberrechte von Autoren, deren Tod dreißig Jahre zurückliegt, keine Rücksicht mehr zu nehmen ist, kann das Erbe der Klassik jetzt nach neuen Maßstäben vermarktet werden. Reclams Universalbibliothek, 1867 gegründet, von der bis ins Jahr 1898 allein 3.810 Nummern vorliegen, beginnt programmatisch mit der Veröffentlichung von Goethes Faust I und II. Schon in den ersten Monaten nach Erscheinen werden 20.000 Exemplare verkauft.
Von Friedrich Schillers Wilhelm Tell, dem erfolgreichsten Buch der Reihe, können bis 1917 nicht weniger als 2,3 Millionen Exemplare abgesetzt werden, die Ausgaben von Ibsens Dramen bringen es auf 4,5 Millionen Exemplare. Die Nationalbibliothek sämtlicher deutscher Classiker des Verlags Hempel wird für zweieinhalb Groschen je Lieferung verkauft und startet mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren, ist aber weit weniger erfolgreich als Reclams Reihe. Mit zeitgenössischer Literatur lässt sich nur im Zeitungsformat Geld verdienen. Ihre Romane je als Buch gedruckt zu sehen, können Autoren nur hoffen. Die Auflagenhöhe bleibt in jedem Fall moderat; denn absetzen lassen sich die Bücher zunächst nur an Leihbibliotheken. „99 Procent der Deutschen Roman- und Novellen-Schreiber verdanken ihren Namen und ihre Existenz nur den Leihbibliotheken, zu welchen sie in dem Verhältnis der Fabrikanten stehen“8 konstatiert 1883 Otto Glagau. In der häuslichen Bibliothek stellt man Romane nicht auf. Sie werden buchstäblich zerlesen oder wandern zurück in die Leihbibliothek. Zum üblichen Bestand der besseren Haushalte gehören auch Ende des Jahrhunderts nur Bücher, die einen längeren Nutzen versprechen: ein Meyers- oder Brockhaus-Lexikon, einige Fachbücher, eine Goethe-, eine Schiller-Ausgabe, wenige illustrierte Werke und Sammelbände der populären Journale.cRund 90% der Arbeiter und Handwerker, der Soldaten, der unteren und der mittleren Beamten haben um 1800 in Frankfurt nur minimalen oder gar keinen Bücherbesitz. Selbst die Hälfte aller Kaufleute besitzt nicht ein einziges Buch.9 „Bis weit über die Jahrhundertmitte fällt nahezu die Hälfte der Gesamtbevölkerung als Leser aus.“10 Noch im Jahr 1886 beurteilt die Deutsche Schriftstellerzeitung die Zustände, als hätten Jahrzehnte der Alphabetisierung wenig oder nichts bewirkt: „Weit über die Hälfte der Bevölkerung Preußens ist für die Literatur verloren. Vielleicht ist es einem kommenden Jahrtausend vorbehalten, auch dieses tiefste Proletariat zu heben und heranzubilden, heutzutage aber ist es eine Unmöglichkeit.“ Immerhin kostet ein Roman um diese Zeit gerade soviel wie das Abonnement einer Zeitung für ein Vierteljahr.
Das lesende Publikum im 19. Jahrhundert, das die materiellen wie die intellektuellen Voraussetzungen für Lektüre und Bucherwerb mit bringt, sei allein der „obere Mittelstand, das Bürgertum im eigentlichen Sinn“ gewesen, schreibt Reinhard Wittmann.11 Nach dem Steueraufkommen bemessen, weisen 1890 die Statistiken 2,75 Millionen Familien als Angehörige dieses Standes aus, 22 % der gesamten Bevölkerung des Deutschen Reiches. Während in den meisten Stuben selbst das bescheidenste Bord für Bücher fehlt, wird es in den Wohnungen gebildeter Bürger schon um 1880 eng. „Bei der Bildung einer Privatbibliothek darf heute ein anderer Umstand von Wichtigkeit nicht übersehen werden, das ist die Platz- frage. Unsere Wohnungen haben wenig Platz für die Aufstellung großer Büchermassen.“12 Drängender noch als die Notwendigkeit, Raum zu sparen, wird die Entscheidung für die richtigen Bücher: „Wer ist im Stande, bei der heutigen Ueberproduction eine richtige Auswahl zu treffen? Man fragt sich mit Recht, was wird aus alle den Hunderten und Tausenden von Büchern werden, die jetzt in Mode sind? Wie viele von ihnen werden wohl ihr Leben über die nächsten fünfundzwanzig Jahr hinaus fristen?“ – Bange Fragen. Trost läßt sich aus der Geschichte nicht ziehen: „Von den etwa 50.000 besseren Erscheinungen des siebzehnten Jahrhunderts geniessen heute etwa nur noch 100 Werke ein hohes unbestrittenes Ansehen und von den 80.000 hervorragen- den Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts hat man kaum 300 Werke durch einen Neudruck in unserer Zeit für werth gehalten, vor der Vergessenheit und dem Untergange bewahrt zu werden.“13
(1) Wolfgang Menzel: Die deutsche Literatur. Erster Theil. Stuttgart 1828, S. 1f.
(2) Hans Ferdinand Schulz: Das Schicksal der Bücher und der Buchhandel. Elemente einer Vertriebskunde des Buches. Berlin 1952.
(3) August Prinz: Der Buchhandel vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1843. Bausteine zu einer späteren Geschichte des Buchhandels. Altona 1855 [Heidelberg 1981], S. 26f. Zit. n. Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. München 2011, S. 252. Wittmann nimmt an, daß um 1850 kaum mehr als „knapp ein Viertel“ der Erwachsenen überhaupt lesen konnte, gerade soviel wie der Anteil des Mittelstandes an der Bevölkerung.
(4) Der deutsche Sortimentsbuchhandel. In: Preußische Jahrbücher 53 (1884), S. 90.
(5) Zit n. Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 252.
(6) Vgl. Horst Kunze: Das große Buch vom Buch. Eine Geschichte des Buches und des Buchgewerbes von den Anfängen bis heute vorgestellt in Wort und Bild. Berlin 1983, S.157.
(7) Vgl. Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 277.
(8) Otto Glagau (1883). Zit. n. Geschichte des deutschen Buchhandels, S.275. Bestände der Leihbibliotheken vgl. u.a. Georg Jäger/ Valeska Rudel: Die deutschen Leihbibliotheken zwischen 1860 und 1914. Analyse der Funktionskrise und Statistik der Bestände. In: Monika Dimpel / Georg Jäger (Hg.): Zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 1990, Teil II, S.198-295.
(9) Rudolf Schenda: Volk ohne Buch S. 464.- „In Goethes Vaterstadt besaßen um 1800 nur die höheren Beamten so viele Bücher, daß man annehmen darf, sie hätten fünf oder mehr gebundene Druckwerke im Jahr gelesen.“ (Ebd., S. 459). Die aus der Auswertung von Inventar- und Teilungsakten gewonnenen Zahlen lassen sich nur schwer verallgemeinern. Aus durchschnittlich zehn Büchern bestand, hat Hilde Neumann rekonstruiert, die Hausbücherei Tübinger Handwerker im 18. Jahrhundert. Es handelte sich ausschließlich um religiöse Literatur, um Gesangbücher, Bibeln, Gebets-, Andachtsbücher und Hauspostillen. Literatur fehlte vollständig. Vgl. Hilde Neumann: Der Bücherbesitz der Tübinger Bürger von I750 bis 1850. Diss. Tübingen 1955, S. 5ff. – In 301 untersuchten Inventaren aus den Jahren 1840–1850 fand sich nur ein einziger Nachweis für eine Goethe-Ausgabe. Die Gedichtsammlung hatte einem Uhrmacher gehört. (Ebd., S. 91).
(10) Rudolf Schenda: Volk ohne Buch, S. 445f.
(11) Vgl. Wittmanna: Geschichte des deutschen Buchhandels, S.288.
(12) Otto Mühlbrecht: Die Bücherliebhaberei, S. 7, „Ein moderner Gelehrter wird in seiner Bibliothek kaum 2–3000 Bände unterbringen können, wenn er überhaupt das Glück hat, sich dauernd einen Raum dafür sichern zu können.“ (Ebd.,S. 7).
(13) Ebd., S. 6.