PARENTHESE
Walter Nikkels (2008)
Über das Buch von morgen
◼️Ich habe ein kleines Zelluloidblatt gekauft. Es nannte sich Motivsucher. Ein rechteckiges Mittelfeld war mit dünnen schwarzen Linien in zweimal drei Quadrate unterteilt; darum eine schwarze Umrahmung. Dieses Hilfsmittel, wie simpel es auch sei, hat eine lange Geschichte in der bildenden Kunst. Ich kann das Blatt zwischen mich und die Welt halten, um ein mögliches Motiv einzugrenzen. Denn das menschliche Auge, das beweglich und unruhig ist, nimmt immer ein breiteres Blickfeld wahr.
◼️◼️Das Buch, das ich immer öfter sehe, gibt sich als Ausschnitt einer Welt aus, die sich über das Buch hinaus erstreckt; die Abbildung wird nicht, als isolierte und formal begrenzte Fläche, in die Architektur der Seite aufgenommen. Oft sind Details oder Texte als Fenster auf ganzflächige Abbildungen oder Farbflächen gesetzt. Bei Stephane Mailarmes Un coup de dés – übrigens ein rein typografisches Buch – bot die Doppelseite eine neue „landschaftliche“ Erfahrung des Universums durch die Bedeutung des Gedichts hindurch. Doch das neue Buch wird eher wie jenes von Weiner sein: städtisch.
◼️◼️◼️Ich denke, dass das Buch von morgen kein „Lesebuch“ im traditionellen Sinn mehr sein wird. Die Seite wird immer seltener eine architektonische Struktur aufweisen. Die Ränder – die im Grunde architektonische Elemente sind – werden allmählich ihre schützende und den Text strukturierende Bedeutung verlieren. Die (Doppel-)Seite wird zunehmend als ein Ganzes aufgefasst werden, als ein Raum, in dem Text- und Bildelemente gleichsam appliziert werden. Um sie trotzdem auf eine bestimmte Weise zu artikulieren und formal zu begrenzen, wird man diese Elemente, wie vorhin erwähnt, mit frames oder „Rahmen“ versehen.
◼️◼️◼️◼️Die einzelne Seite als Gebäude wird Platz machen für die Doppelseite als unbegrenzter Raum. Das Panorama-Buch, so könnte man es nennen, wird mit Details von Abbildungen oder Referenz-
abbildungen oder Textfragmenten gefüllt, jeweils ausgewählt und platziert vom Entwerfer.
◼️◼️◼️◼️◼️Ich gebe die beiden Modelle – das architektonische und das Panoramabuch – sehr schematisch wieder. Es sind rhetorische Figuren. In der Praxis wird man sie miteinander oder nebeneinander anwenden, in einem Buch, das als eine Partitur gedacht ist. Ich selbst bin eher Architekt als Regisseur, doch das ist hier nicht so sehr von Bedeutung. Auch wenn ich davon träumen darf, Tempel zu bauen: Die Notwendigkeit von Flugplätzen und Bahnhöfen ist größer.
PARENTHESE
Walter Nikkels
Über das Buch von morgen
Ich habe ein kleines Zelluloidblatt gekauft. Es nannte sich Motivsucher. Ein rechteckiges Mittelfeld war mit dünnen schwarzen Linien in zweimal drei Quadrate unterteilt; darum eine schwarze Umrahmung. Dieses Hilfsmittel, wie simpel es auch sei, hat eine lange Geschichte in der bildenden Kunst. Ich kann das Blatt zwischen mich und die Welt halten, um ein mögliches Motiv einzugrenzen. Denn das menschliche Auge, das beweglich und unruhig ist, nimmt immer ein breiteres Blickfeld wahr.
Das Buch, das ich immer öfter sehe, gibt sich als Ausschnitt einer Welt aus, die sich über das Buch hinaus erstreckt; die Abbildung wird nicht, als isolierte und formal begrenzte Fläche, in die Architektur der Seite aufgenommen. Oft sind Details oder Texte als Fenster auf ganzflächige Abbildungen oder Farbflächen gesetzt. Bei Stephane Mailarmes Un coup de dés – übrigens ein rein typografisches Buch – bot die Doppelseite eine neue „landschaftliche“ Erfahrung des Universums durch die Bedeutung des Gedichts hindurch.
Doch das neue Buch wird eher wie jenes von Weiner sein: städtisch. Ich denke, dass das Buch von morgen kein „Lesebuch“ im traditionellen Sinn mehr sein wird. Die Seite wird immer seltener eine architektonische Struktur aufweisen. Die Ränder – die im Grunde architektonische Elemente sind – werden allmählich ihre schützende und den Text strukturierende Bedeutung verlieren.
Die (Doppel-)Seite wird zunehmend als ein Ganzes aufgefasst werden, als ein Raum, in dem Text- und Bildelemente gleichsam appliziert werden. Um sie trotzdem auf eine bestimmte Weise zu artikulieren und formal zu begrenzen, wird man diese Elemente, wie vorhin erwähnt, mit frames oder „Rahmen“ versehen.
Die einzelne Seite als Gebäude wird Platz machen für die Doppelseite als unbegrenzter Raum. Das Panorama-Buch, so könnte man es nennen, wird mit Details von Abbildungen oder Referenzabbildungen oder Textfragmenten gefüllt, jeweils ausgewählt und platziert vom Entwerfer. Ich gebe die beiden Modelle – das architektonische und das Panoramabuch – sehr schematisch wieder.
Es sind rhetorische Figuren. In der Praxis wird man sie miteinander oder nebeneinander anwenden, in einem Buch, das als eine Partitur gedacht ist. Ich selbst bin eher Architekt als Regisseur, doch das ist hier nicht so sehr von Bedeutung. Auch wenn ich davon träumen darf, Tempel zu bauen: Die Notwendigkeit von Flugplätzen und Bahnhöfen ist größer.