Sehe, nicht lese

Das Internet ist ein Ort ständiger Bewegung. Websites reagieren auf Interaktionen, wie scrollen, klicken und zoomen und werden verkleinert, vergrößert, aktualisiert und umgebaut. Im Gegensatz dazu steht das Buch als fertiges Produkt. Einmal gedruckt bleibt es unverändert. Das Projekt »Sehe, nicht lese“ sucht nach den Schnittstellen zwischen der Flexibilität des Web und der Beständigkeit im Druck. Was erwarten wir, wenn wir eine Website besuchen? Was erwarten wir beim Aufschlagen eines Buches? Wann ist traditionelle Buchgestaltung online effektiv und wo kann ein Buch beweglich sein? Um den Inhalt und Umfang der Website greifen zu können, gelangt man zunächst zu einem Index. Dieser dient, wie in einem Buch, zur Orientierung und ist die Tür zu den Textauszügen, die linear oder auch textübergreifend gelesen werden können. Neben der Reibung zwischen Text und Bild erfährt die lesende Person auch die Reibung zwischen interaktiven und fremdgesteuerten Veränderungen. Der Druck wird zu einem Alltagsgegenstand, einem persönlichen Besitz, der die Website in die Realität übersetzt und vollendet. Ohne Seitenzahlen und ohne eine Bindung ist der Reader in der Reihenfolge variabel und bietet so eine analoge Möglichkeit, die Texte individuell zu ordnen. Ob durchs Klicken oder Blättern, das eigenständige Handeln und das Treffen von Entscheidungen beim Lesen von Texten, trotz vorgegebener Strukturen, ermöglicht eine eigene Erfahrung und Interpretation, die das Gelesene lebendig macht und ermutigt dazu, über den unmittelbaren Textinhalt hinaus zu denken.