Das Buch als Objekt ist ein Blindspot
(…) Inwiefern ist das Buch in seiner „überkommenen Gestalt“ aber ein Medienformat der Vergangenheit? Benjamin glaubt, dass sich eine „bedeutende literarische Wirksamkeit“ nunmehr ausschließlich in „Flugblättern, Broschüren, Zeitschriftartikeln und Plakaten“ entfalten könne; für die „anspruchsvolle universale Geste des Buches“ - die, so ließe sich hinzufügen, von Mallarmé mit „Un coup de dés“ noch vollzogen wurde - gebe es in der Gegenwart keinen Platz.
(…) Bereits die Zeitung wird mehr in der Senkrechten als in der Horizontalen gelesen, Film und Reklame drängen die Schrift vollends in die diktatorische Vertikale.
(…) Die Schrift, die im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes Dasein führte, wird unerbittlich von Reklamen auf die Straße hinausgezerrt und den brutalen Heteronomien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt.
(…) ihm wird die unvermeidliche Zerstreuung durch ein „dichtes Gestöber von wandelbaren, farbigen, streitenden Lettern“ in der Tagespresse und im Plakatdruck sowie im großstädtischen Straßenbild insgesamt scharf kontrastiert.
(…)El Lissitzky ist einer der wenigen, die sich zeitgleich darum bemühen, einerseits das Buch von der Buchseite streng zu unterscheiden und andererseits die Dreidimensionalität des Buches theoretisch anspruchsvoll zu reflektieren.
(…) Zentral ist nun, dass Lissitzky darauf hinweist, dass die avantgardistische „Sprengung“ auf die typographische Seite beschränkt geblieben sei; die plane zweidimensionale Seite (des Buchs, Plakats, der Zeitung) sei Gegenstand der theoretischen Reflexion und der (konkret) gestalterischen Dekonstruktion gewesen, nicht aber das dreidimensionale Buch. Dieses bleibe weitgehend intakt, weil bisher „für das Buch als Körper keine neue Gestalt“ gefunden worden sei. Eine Sprengung des Buches als dreidimensionales Objekt habe gar nicht stattgefunden, denn es sei die aktuelle Arbeit an der Seite „im Innern des Buches noch nicht soweit, um [ ... ] die traditionelle Buchform zu sprengen.“
(…) Dreidimensionalität (Raum) scheint als metaphorischer Spender für Zweidimensionalität (Fläche) nur deshalb in Frage zu kommen, weil die dritte Dimension des Untersuchungsgegenstands gar nicht in Frage steht. Und ist erst einmal die Dreidimensionalität als mächtige Metapher für die Zweidimensionalität installiert, lässt sich leicht übersehen, dass die Dreidimensionalität auch einen „wörtlichen“ Sinn hatte.
(…) Für weite Teile der theoretischen Reflexion über textuelle Materialität ist das Buch als bloß zweidimensionale Seitenfläche von einem Bildschirm überhaupt nicht zu unterscheiden. Um es etwas zuzuspitzen: Bis in die Gegenwart wurde das Buch theoretisch meist so diskutiert, als ob es sich auch um den Bildschirm eines avancierten „E-Book-Readers“ handeln könnte.