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Das Ende einer Last

Günter Karl Bose

Ein Buch entsteht durch die feste Verbindung seiner Lagen, die wie­derum ein Umschlag vor ihrer Auflösung schützt. Als visuelles und greifbares Erlebnis mag es ganz nach den Umständen, dem Licht, den Stimmungen, dem Geruch oder der Weichheit des Papiers anders wahrgenommen werden, es bleibt dennoch ein gefügtes Ganzes.
Bücher sind Gegenstände. Sie beanspruchen Raum. Ob eng neben­ einander im Regal stehend, ob auf dem Schreibtisch gestapelt, ob auf dem Boden aufgetürmt oder verstreut, ob achtlos liegengelassen oder kunstvoll drapiert. Sie lassen sich nicht »in der Luft verstecken«26, sondern bleiben der Schwerkraft unterworfen. Sie stehen oder fal­len, und es mag vorkommen, dass Regale unter ihrer Last zusammenbrechen. Obwohl man sie verschenken oder verlieren oder schließ­lich sogar wegwerfen und zerstören kann, solange man nicht ganz auf ihren Besitz verzichtet, werden sie eine Last sein. Bücher gibt es nur im Plural, ihr Erscheinen ist auf Vervielfachung angelegt.27 Die Zahl der gegenwärtig etwa 90.000 Titel, die jährlich in Deutschland bib­liographisch erfaßt werden, steht für nicht weniger als eine Milliarde tatsächlich gedruckter Exemplare. Die Angst, die wachsende Zahl der Bücher könne ihren Lesern den Raum zum Leben nehmen, wie sie Wolfgang Menzel schon 1828 spürt, scheint abgeklungen. »So baut sich um uns die unermeßliche Büchermasse, die mit jedem Tage wächst, und wir erstaunen über das Ungeheure dieser Erscheinung, über das neue Wunder der Welt, die cyklopischen Mauern, die der Geist sich gründet. Nach einem mäßi­gen Überschlage werden jährlich in Deutschland zehn Millionen Bände neu gedruckt. [... ] Wohin wir uns wenden, erblicken wir Bücher und Leser. Auch die kleinste Stadt hat ihre Leseanstalt, der ärmste Honoratior seine Handbibliothek. Was wir auch in der einen Hand haben mögen, in der anderen haben wir gewiß immer ein Buch.«28 Menzel, ein streitbarer Geist des deutschen Vormärz, hat es noch miterlebt, wie ein ganzes Volk in weniger als einem Jahrhundert vollständig alphabetisiert wird und die Gesamtzahl der in deutscher Sprache verlegten Bücher sich nahezu verzehnfacht, von den 2.594 Titeln im Jahr 1800 auf 18.875 Titel im Jahr 1890 anwächst.