Wir leben in einer Schriftkultur 90: Als Kinder lernen wir Lesen und Schreiben und wachsen in einer Gesellschaft auf, die angewandte Schrift als selbstverständliche Grundvoraussetzung zur allgemeinen Verständigung akzeptiert. Sie wird auch zur gesellschaftlichen Ordnung benutzt, welche beispielsweise auf allen Ebenen durch schriftliche Vertr.ge organisiert ist. Dabei war die Schrift schon immer eng mit der Kultur verknüpft: Historisch wurden Schriftzeichen im kulturellen Kontext genutzt, um Wertvorstellungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und geschichtliche Ereignisse, die in Niederschriften manifestiert wurden, an nachfolgende Generationen weiterzugeben.
In der neueren Geschichte besaß Lesen und Schreiben eine Deutungshoheit, die Aristokraten und Geistlichen vorbehalten war. Schriftstücke und Bücher waren in der Regel nicht für gemeine Bürger*innen zugänglich, wodurch die damit zugeschriebene Allwissenheit der höheren Stände noch untermauert und Machtansprüche gefestigt werden konnten.
Mit den Worten von Michael Giesecke ausgedrückt ist Wissen „ein Spezialfall von Information, der sich u.a. dadurch auszeichnet, dass er von der kulturellen Gemeinschaft als wichtig für die kulturelle Reproduktion erklärt und zum Gegenstand von organisierten Lehr- und Lernprozessen gemacht wird.“91
Die vermeintlich neutrale wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung spiegelt also immer vor allem die Sichtweisen der dominierenden Gruppen wider – vorwiegend bestehend aus männlichen Personen –, die dieses Wissen generieren und somit auch beeinflussen können.92 Eine Hierarchisierung von Geschlechtern innerhalb der Gesellschaft wurde früher ebenso wissenschaftlich begründet. Emilia Roig verdeutlicht: „Lange Zeit wurde sie [die Wissenschaft] als Rechtfertigung für die Unterdrückung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen genutzt. Pseudowissenschaftliche Theorien hielten Frauen von Machtpositionen fern.
[…] Wissenschaft war nie nur neutral oder objektiv – sie ist von denjenigen, die dieses Wissen produzieren, weitestgehend geprägt.“
93 So bestimmen die Entwicklung und Ausprägung des sprach-schriftlichen Kommunikationssystems die Wissenstradierung und damit die Diskriminierung von Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Diese Unterdrückung innerhalb der Gesellschaft aufgrund von Analphabetismus und beschränkten Bildungsmöglichkeiten liegt dementsprechend auch in der Verwendung von Schriftzeichen begründet. Das Bildungssystem war zudem lange Zeit fast ausschließlich für Jungen zugänglich und förderte somit patriarchale Strukturen, in denen weiblich gelesene Personen von der Karriere und dem Einkommen ihrer Männer abhängig waren, weil ihnen selbst die meisten Berufswege verwehrt blieben.
Die Entwicklung neuer Drucktechniken seit Mitte des 15. Jahrhunderts erleichterte breiteren Massen den Zugang zu Büchern und ermöglichte durch die sinkende Analphabet*innenquote innerhalb der Bevölkerung eine zunehmende Bildung.
Die Demokratisierung von Wissen – welches vor allem schriftlich gespeichert ist – ist ein ermächtigender Schritt in Richtung gesellschaftlicher Emanzipation. Deshalb stehen auch heute besonders Type Designer*innen vor der Herausforderung, inklusiv und intersektional zu arbeiten, indem sie beispielsweise Schriften gestalten, die möglichst weltweit einsetzbar sind. Der Zeichensatz der Noto Typeface von Google deckt mittlerweile mehr als 1.000 Sprachen ab.94 Das Bedürfnis nach einem umfassenden Language Support wird daran deutlich, dass sich die Zahl der in der Schriftart abbildbaren Sprachen 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat.95 Die Type Designerin Lisa Huang gestaltete im Stil der Noto die erste digitale Version von Nüshu, der sogenannten Frauenschrift, die um die 400 Zeichen umfasst und bereits im 9. Jahrhundert in der süd-östlichen Provinz Hunan in China entstanden ist. Die Silbenschrift basiert auf der Phonetik des regionalen Dialektes Tuhua und ist die weltweit einzig bekannte geschlechtsspezifische Schrift, die ausschließlich von weiblich gelesenen Personen erfunden und benutzt wurde.
Da ihnen eine Schulbildung verwehrt blieb und sie das offizielle Schriftsystem nicht erlernten, entwickelten die weiblich gelesenen Personen autodidaktisch ein eigenes Zeichensystem zur Kommunikation mit ihren Freund*innen und weiblichen Verwandten, die in anderen Dörfern oder Städten lebten.
Auch das Schreiben eigener Texte, Tagebucheinträge oder Gedichte wurde zum traditionellen Kulturgut, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde. Die Kalligrafie-Werkzeuge der Männer durften sie nicht benutzen, also dienten ihnen Holzstücke als Stifte, verbrannte Asche als Tinte und Fächer als Papier. Die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter bedingte durch die benutzten Hilfsmittel zum Schreiben somit auch die Form der langgezogenen Zeichen der Moskito-Schrift 96, wie sie von den Schreiberinnen selbst genannt wurde. Durch die fortschreitende Alphabetisierung im letzten Jahrhundert hat die alte Schriftsprache zunehmend an Bedeutung verloren, rückte aber durch die Forschungsarbeit von Prof. Zhao Liming in das Öffentliche Interesse.97 Nüshu wird in den Medien oft als eine Art Geheimschrift 98 beschrieben, die den unterdrückten weiblich gelesenen Personen dazu gedient haben soll, sich über ihr Leid auszutauschen.99 Tatsächlich war die Kommunikation alles andere als ein Mysterium, da sie keineswegs heimlich praktiziert wurde und außerdem laut vorgelesen die regionale Mundart wiedergab – ihr wurde bis dato schlichtweg kein Interesse beigemessen. Die Journalistin Ilaria Maria Sala kritisiert diesen medialen und mittlerweile auch kommerziellen Umgang mit der Geschichte: „I felt people were reading into it what they wanted, regardless of what it meant, at times for personal profit. Isn‘t this the standard definition of cultural appropriation?”100 Die Legendenbildung um eine geheimnisvolle Schwursprache ist ein eindrückliches Beispiel für die Instrumentalisierung des Patriarchats, die eine strukturelle Unterdrückung reproduziert und verstärkt.
Durch den Fokus auf eine visuelle, schriftliche Speicherung von Wissen werden heute noch immer bestimmte Minderheiten von großen Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen: (Funktionale) Analphabet*innen oder Personen mit Sehbehinderung, die im Alltag durch existierende Barrieren nicht bedacht und diskriminiert werden, da sie sich beispielsweise nicht mithilfe von klassischen Orientierungssystemen zurechtfinden können
Nicht nur deshalb wächst das Bedürfnis nach Kommunikationsmöglichkeiten durch bildhafte Zeichen, die allgemeingültig und vor allem leicht verständlich sind. Im Öffentlichen Raum gibt es immer mehr Bildsymbole, die das alltägliche Zusammenleben vereinfachen sollen, beispielsweise durch den Einsatz von Piktogrammen im Öffentlichen Nahverkehr, die darauf hinweisen, dass bestimmte Plätze beeinträchtigten Personen vorbehalten sind. Obwohl die verwendeten Symbole vermeintlich neutral gestaltet sind, geben sie trotzdem meist Aufschluss auf das gesellschaftliche und kulturelle Verständnis, in dem sie auftreten. So werden Frauen in Piktogrammen in westlichen Ländern meist in knielangen Kleidern dargestellt, im arabischen Raum mit Hijab. Für diese visuelle Übersetzung von heteronormativen Stereotypen in Universalsprachen gibt es verschiedene Beispiele. Der avantgardistische Gestalter Karl Peter Röhl (1890 –1975) schaffte 1926, dem Universalitätsanspruch der Moderne verschrieben, ein piktogrammartiges Zeichensystem, welches er für verschiedene gesellschaftliche Institutionen entwickelte.
Durch den Einsatz im Öffentlichen Raum sollte die ikonische Symbolsprache möglichst allgemeingültig gestaltet sein.101 Ein Versuch neuer Berufs- zeichen visualisiert aber auch eine patriarchale Dominanz, bei der der Arzt durch ein quadratisches Kreuz dargestellt ist. Die Ärztin dagegen wird durch das gleiche Zeichen repräsentiert, allerdings mit einer negativen Aussparung, an der Stelle, an der die beiden sich überlappenden Balken überschneiden. Dadurch wird sie zu einem mangelhaften Abbild des Mannes.
Die bildhafte oder symbolische Abbildung einer Leerstelle als weibliches Geschlecht geht auf Sigmund Freuds Theorie des „verlorengegangenen Penis des Weibes“.102 aus dem Jahr 1915 zurück, bei der die weiblichen Genitalien als Loch und damit Defizit gegenüber dem Mann interpretiert wurden
.103 Mitte der 1950er Jahre erarbeitete auch der Chemieingenieur Charles Bliss (1897 – 1985) mit seinen Blissymbolics den Versuch einer visuellen Universalsprache, welche jegliche Möglichkeit zum Machtmissbrauch ausschließen sollte, welche er selbst durch die Nazi-Propaganda im Zweiten Weltkrieg erfahren hatte. Die einzelnen Wörter werden durch ikonische Zeichen und semantische Assoziationen dargestellt. Trotz des Bedürfnisses nach Universalität und Inklusivität weisen die Symbole aber reproduzierte strukturelle Diskriminierungen und phallogozentrisch aufgeladene Analogien auf, deren verknüpfte Bedeutungsebenen ebenfalls auf bestimmte Art und Weise sozialisiert sind. Die Glyphen für Frau und Mann veranschaulichen dabei eine gesamtgesellschaftlich verankerte, sexistische Ideologie, welche einer Universalsprache nicht gerecht werden kann. Während sich das Zeichen für Mann aus einem vertikalen Strich und dem der Bedeutung für Action zugeschriebenen Zeichen zusammensetzt, besteht jenes für Frau aus der gleichen Linie und dem Zeichen für Creation, einer Darstellung des weiblichen Schoßes.104 Der Mann ist aktiv, die Frau passiv – beides stereotype geschlechtsspezifische Zuschreibungen.
In der heutigen digitalen Kommunikation ist die Entwicklung eines Zeichensatzes aus Emojis ein Ansatz für eine Verständigung auf internationaler Ebene, die nicht an bestimmte Schriftsysteme gebunden ist, welche im kulturellen Kontext erlernt werden müssten. Trotzdem muss auch hier betont werden, dass ein Konsortium, welches die Aufnahme und die Gestaltung neuer Zeichen in den Unicode bestimmt,
Obwohl beispielsweise circa 550 Millionen Menschen einen Hijab tragen, wurde erst 2017 ein entsprechendes BilObwohl beispielsweise circa 550 Millionen Menschen einen Hijab tragen, wurde erst 2017 ein entsprechendes Bil
Auch Emojis können also einer universellen Anforderung nicht entsprechen, da bestimmte marginalisierte Gruppen nicht oder nicht ausreichend vertreten werden können. Der stetige Zuwachs an Emojis mit variablen Hautfarben oder gesellschaftsspezifischen Details zeigt aber deutlich, dass die Bedeutung der einzelnen Symbole nicht nur über die Ebene eines vereinfachten Sprachverständnisses an sich hinausgehen, sondern auch eine gesellschaftliche Relevanz in sich tragen.